Am 19.12.2003 fuhr ein Neoplan- Bus des fränkischen Busunternehmens Polster im Auftrag des Reiseanbieters Rainbowtours von München nach Paris. Einer der beiden Fahrer steuerte den Bus über Augsburg, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Aachen, während der zweite Fahrer daneben saß. Dann wurde getauscht und der bisherige Fahrer kroch in seine Schlafkabine. Um 5:20 Uhr an der Grenze zwischen Belgien und Frankreich raste der Bus mit hoher Geschwindigkeit in einer leichten Rechtskurve mit der linken Frontseite gegen die seitliche Fahrbahnbegrenzung, schlidderte daran entlang, Teile der Vorderachse wurden abgerissen und er ging dann in Flammen auf, wobei sich das Feuer von hinten durch den Laderaum des Busses explosionsartig nach vorne bewegte.
Die aus dem Schlaf aufgeschreckten Reisenden, meist junge Leute, die die Billigreise gebucht hatten, versuchten in Panik aus dem völlig verqualmten Bus zu entkommen, dessen Türen sich verklemmt hatten. Viele konnten durch die Fenster fliehen, einige schafften es erst nachdem der Fahrer aus der Schlafkabine durch die Frontscheibe geklettert war und von außen die hintere Tür geöffnet hatte. Zehn Reisende und der Busfahrer kamen ums Leben. Zu ihnen gehörten auch mein Sohn Alexander und seine Freundin Yvette. Er hatte am 17.12. seinen 24. Geburtstag gefeiert und die Reise von Yvette (22) geschenkt bekommen. Wie ich inzwischen erfahren habe, hatte Alexander den Bus bereits verlassen, war dann aber, als er Yvette nicht finden konnte wieder zurückgegangen. Sein verkohlter Körper wurde im hinteren Teil des Busses auf dem Boden gefunden.
Es starben der Fahrer Klaus Franke, Adalet,Renate, Katrin, Christiane, Enesa, Mark,Sandra, und Sanja. Bis heute, Juni 2010 haben die Angehörigen keine abschließende Erklärung für den Unfall erhalten. Die Staatsanwaltschaft in Bamberg stellte die Untersuchungen letztes Jahr ein, weil von dem zuständigen Untersuchungsrichter in Mons, Belgien keine Aktivitäten mehr zu verzeichnen waren. An der Unfallstelle haben wir ein Kreuz errichtet.
Februar 2012
Aus Belgien kamen jetzt zwei Einschreiben mit denen wir zu einer Verhandlung zu dem Busunglück eingeladen wurden. Das Verfahren, in dem das weitere Vorgehen behandelt werden soll, findet im April in Mons statt. Wir können uns als Nebenkläger registrieren lassen und haben damit Akteneinsicht. Ich vermute, dass das Verfahren nach über acht Jahren jetzt abgeschlossen werden soll und man uns halt die Möglichkeit geben will, uns anhand der (französischsprachigen) Akten über die Untersuchungen zu informieren. Wir werden auf jeden Fall hinfahren.
Zurück aus Mons.
Am 17.4.2012 waren wir zu einer Verhandlung des Tribunals der 1. Instanz nach Mons geladen. Außer uns waren nur die Eltern der Reiseleiterin aus Berlin anwesend. Dazu kamen zwei Angehörige der Luxemburger Protection Civil, die Sybille Jatzko zu unserer Unterstützung organisiert hatte. Leider durften sie nicht mit in die Verhandlung, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Das Gericht hatte einen amtlich vereidigten Übersetzer bestellt. Nach zwei Wartestunden- vorher lief ein Arbeitsgerichtsprozess mit großem Medienauflauf- nahmen wir im Gerichtssaal Platz. Der Untersuchungsrichter Pilette trug die Ergebnisse der Untersuchung vor. Er kam zu dem Schluss, dass der Fahrer zu schnell auf der falschen Spur gefahren sei und übermüdet war. Er beantragte den Busunternehmer Rainer Polster, der durch seine Fahrereinteilung an der Überziehung der Lenkzeiten schuld sei, wegen elffacher unbeabsichtiger Tötung und über dreißigfacher unbeabsichtigter Körperverletzung vor einem Strafgericht anzuklagen. Dem schloss sich die Anwältin der Region an. Die Richterin entschied dann, dass das Verfahren gegen Polster einem Strafgericht übergeben wird. Es wird also in Belgien nach acht oder vielleicht noch mehr Jahren zu einem Strafverfahren kommen, zu dem wir auch eingeladen werden.
Am 15.Juni 2012 um 8.30 Uhr beginnt vor dem Polizeigericht in 7000 Mons Belgien-Justizgebäude- Rue de Nimy 28 das Verfahren gegen Rainer Polster. 8 1/2 Jahre nach dem Busunglück.

