Was hilft?

Bei einer so schweren persönlichen Katastrophe, wie dem Tod seines Kindes, reagiert man anders, als man es sich vorgestellt hätte.. Als ich am 20.12.2003 gegen 17 Uhr am Telefon erfuhr, dass Alexander und Yvette in dem verunglückten Bus saßen,reagierte ich wie unter ungeheurer Spannung stehend. Ich rief überall dort an, wo ich mir neue Informationen erhoffte, bei einem befreundeten Journalisten, beim BKA, bei den im Fernsehen genannten Notrufnummern, konnte aber nirgends die wichtigste Frage beantwortet bekommen: „Leben die beiden noch?“ Dabei hatte ich im Kopf schon die Gewissheit, dass Alex bei den Toten sein müsse, denn in den mehr als 10 Stunden die seit dem Unfall vergangen waren, hätte er sich sicher bei uns gemeldet. Ich hatte nur noch die perverse Hoffnung, er sei vielleicht so schwer verletzt, dass er nicht anrufen könnte und er nicht identifiziert sei. Doch auch diese Hoffnung starb als wir die Todesnachricht erhielten. Mit 99,9 % iger Sicherheit unter den Opfern- noch nicht identifiziert, da die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. Diese ganze Aktivität und die Aufnahme der Informationen geschah ohne dass ich emotional zusammenbrach in relativer Kühle, als passierte das alles gar nicht wirklich, als sei ich selbst nicht unmittelbar involviert.

Auch nach unserer Rückkehr aus Belgien (Über diese Fahrt folgt noch ein gesonderter Bericht.) , erledigte ich ziemlich gefasst alle nötigen Behördengänge, Telefonanrufe, Information an Versicherungen, Meldungen an Banken und was alles so anstand. Ich konnte fast nicht weinen, ich konnte aber auch nicht über das Geschehene reden. Ich funktionierte wie eine Maschine. Zur Arbeit ging ich erstmal nicht mehr. Mein Hausarzt hatte Verständnis und schrieb mich krank. Er riet uns, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Ich machte mit Elena gemeinsam einen Termin aus. In dieser Praxis blieb ich dann insgesamt 4 Jahre. Die Sitzungen mit der Verhaltenstherapeutin fanden zunächst wöchentlich, dann  zweiwöchentlich, später monatlich statt. Elena brach nach zwei Sitzungen ab.

Nach drei Monaten traten Kollegen an mich heran und machten mir den Vorschlag, stundenweise wieder einzusteigen. Nach den Osterferien arbeitete ich wieder voll, merkte aber, dass etwas nicht stimmte.  Meine Therapeutin riet mir im Sommer 2004 zu einem Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik. Ich glaubte, es aber ohne eine solche Maßnahme zu schaffen.

Im September 2004 fand in Hannover auf Einladung von NOAH ein Hinterbliebenentreffen statt. Wir fuhren mit unserer Tochter und einem Freund Alexanders hin. Es waren die Angehörigen von 5 der Opfer anwesend. Ich selbst hatte schon mehrmals versucht Kontakt zu weiteren Angehörigen herzustellen, hatte aber kein Glück dabei, weil die Anschriften zum Teil falsch waren, oder wohl kein Kontakt gewünscht wurde. Bei dem Treffen lernten wir Sybille Jatzko kennen, die seit der Ramsteinkatastrophe Gruppen von Hinterbliebenen und Überlebenden betreute. Da uns das Treffen mit anderen Betroffenen neue Kraft gab, planten wir weitere Treffen.

Im Oktober 2004 merkte ich, dass ich mir zuviel zugemutet hatte. Ich hatte immer häufiger Ausraster, beschimpfte unsere Konrektorin wegen einer Nichtigkeit in übelster Weise, knallte Türen und warf Stühle und Tische um. Diese Aggressionen waren mir bisher völlig unbekannt, ich erschrak vor mir selbst und  beantragte den Klinikaufenthalt.         

Die Genehmigung der Krankenkasse kam ziemlich schnell und schon Ende Januar 2005 fuhr ich im Schneesturm nach Pulsnitz in Sachsen in die Schwedensteinklinik. Nach Eingangsuntersuchungen und erstem Gespräch ließ man mich dort in der ersten Woche allein. Ich saß in meinem Zimmer und blickte hinaus in die Schneelandschaft, ging spazieren und hing meinen Gedanken nach. Nach einigen Tagen kam dann das große Elend und ich konnte hemmungslos weinen. Diese Woche, in der ich quasi ruhiggestellt war, war genau das, was ich brauchte, um meine Trauer zu finden, mich von meinem Sohn zu verabschieden  und meinen Schmerz herauszulassen. Die nächsten 5 Wochen mit vollem Therapieplan, mit Entspannungsübungen, Trauergruppe, Gestalttherapie, Gymnastik, Schwimmen usw. diente eigentlich nur der physischen und psychischen Stabilisierung. Geholfen hat mir die erste Woche und geholfen hat mir, dass ich meine Geschichte von Alexander in den Einzel- und Gruppensitzungen immer wieder erzählen musste, immer unter Tränen aber auch mit Erleichterung.

Ich hatte in diesen Wochen Gelegenheit Dresden, Bautzen, Görlitz, Meißen und Prag kennen zu lernen. Ich war in Kamenz, Moritzburg, Radeberg, Radebeul, Pirna und auf Schloss Rammenau. Ich habe Nabucco in der Semperoper gesehen und in der Kreuzkirche den Auftritt des Kreuzchors zum Jahrestag der Bombennacht.

Ich habe im Cafe Toskana am ‚Blauen Wunder‘ Torte gegessen, im Jaipur zum ersten Mal indisch probiert, in Pfunds Molkerei Käse gekauft, im Restaurant des Landtags Sauerbraten genossen und Baumkuchen bei Kreuzkamp. In Pillnitz erlebte ich im Schnee den Beginn der  Kamelienblüte, habe in Meißen den Porzellanmalern zugeschaut und in Schloss Wackerbart eine Weinprobe gemacht. Bei all diesen Gelegenheiten habe ich die Sachsen schätzen gelernt. Die Wochen haben den Heilungsprozess für meine Seele eingeleitet.(Wird fortgesetzt)

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Eine Antwort zu Was hilft?

  1. Sarah schreibt:

    Euer Verlust tut mir schrecklich leid. Ich finde Ihren Blog sehr persönlich, liebevoll und ausführlich und bin froh zu lesen, dass Ihnen der Aufenthalt in der Klinik geholfen hat.

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